Zeitzeug*innen und Erinnerungskultur
In den über 70 Jahren seit der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers und Konzentrationslagers hat sich weltweit eine vielfältige Erinnerungskultur entwickelt.

Besonders in den ersten Monaten und Jahren nach der Befreiung hatten Überlebende häufig das Bedürfnis, von den Geschehnissen/ihren Erlebnissen zu berichten und Beweise zu den Verbrechen zusammenzutragen und zu sichern. Dies geschah durch die Erstellung von Toten- und Überlebendenlisten, das Verfassen von Tagebüchern, in dokumentarischen Zeichnungen oder Zeugenaussagen. Manchen Überlebenden war dagegen ein Weiterleben zunächst nur mit einer weitgehenden Verdrängung und dem Schweigen über die eigenen Verfolgungserfahrungen möglich.
Erst mit der Generation ihrer Enkel und aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen konnten viele über das Erlebte und Erlittene sprechen. Impulse für die Auseinandersetzung mit Bergen-Belsen kamen oft von außerhalb. Beispiele sind der Eichmann-Prozess (1961) und Kriegsausbrüche wie etwa der Zweite Golfkrieg (1990) oder der Ukrainekrieg (2022). Auch der Tod von Familienangehörigen und Freunden bewirkte oftmals eine Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Erinnern bedeutete für viele Überlebenden daher auch (religiöses) Gedenken an Familienangehörige, die in Bergen-Belsen umgebracht worden sind.
Auch politische und gesellschaftliche Strukturen hatten erkennbar Einfluss auf die individuelle Erinnerung. Die Entwicklung der Erinnerungskultur in den neuen Heimatländern war abhängig von der Bedeutung der Überlebenden für das staatlich-politische Selbstverständnis. Dieses zeigt sich am Umgang mit den Überlebenden und ihren Verbänden durch Verschweigen und zum Teil sogar in der Verfolgung, u.a. in Ungarn und der ehemaligen Sowjetunion, im Gegensatz dazu steht die staatliche Rezeption der Shoah in Israel.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Zeit nach der Befreiung und Rückkehr in die Herkunftsländer oder der Emigration, stand die Totenehrung im Vordergrund. In verschiedenen Ländern wurden Orte der persönlichen Trauermöglichkeit geschaffen, um mit der räumlichen Entfernung zu dem Todesort und der unwürdigen Bestattung in Massengräbern umzugehen.
Mit der zeitlichen Distanz und erneutem Erstarken von Antisemitismus erhielten diese Mahnmale in den 1960er Jahren zusätzlich die Funktion der generellen Mahnung und Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Überlebendenverbände initiierten die Errichtung einer Kopie des jüdischen Mahnmals in Bergen-Belsen in Jerusalem und in Montreal.
Heute sind nur noch wenige Überlebende von Bergen-Belsen am Leben. Die Tätigkeit ihrer Verbände wird inzwischen vielfach von nachfolgenden Generationen getragen. Eine besondere Verbindung zwischen den Generationen stellen weiterhin diejenigen dar, die im DP-Camp geboren wurden. Für familiäre Überlieferungen erhält nunmehr das gesammelte Wissen der Gedenkstätte zunehmend an Bedeutung.
