Zeitzeug*innen-Interviews

Seit 1999 werden lebensgeschichtliche audiovisuelle Interviews mit Überlebenden des Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagers, Bewohner*innen des DP-Camps und weiteren Zeitzeug*innen für die wissenschaftliche, pädagogische und museale Arbeit der Gedenkstätte Bergen-Belsen geführt.

Die Interview-Sammlung der Gedenkstätte

Bislang sind mehr als 450 audiovisuelle Interviews mit einer Gesamtlänge von rund 2100 Stunden aufgezeichnet worden. Das Material ist voll digitalisiert bzw. liegt seit 2010 im Full-HD-Format vor. Es umfasst Biografien von Personen der Jahrgänge 1911 bis 1976 aus 23 verschiedenen Ländern. Die Sammlung bildet einen zentralen Quellenbestand der Gedenkstätte.

  • Interviewausschnitt Noomi Rinat-Tal
    Noomi Rinat-Tal (*1932) wurde als Jüdin in den Niederlanden verfolgt und kam mit ihrer Familie in das KZ Bergen-Belsen. Ihre Schwester und ihr Vater kamen um. Heute lebt sie in Israel. Die Interviews mit ihr fanden 2004 und 2005 statt.
  • Interviewausschnitt Albrecht Weinberg
    Albrecht Weinberg wurde 1925 in Ostfriesland in einer jüdischen Familie geboren. Er überlebte Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. Nach 65 Jahren in den USA kehrte er nach Deutschland zurück und ist heute trotz seines hohen Alters immer noch ein sehr aktiver Zeitzeuge. Das Interview mit ihm entstand 2013.
  • Interviewausschnitt Maria Gniatczyk
    Maria Gniatczyk (1927-2017) wurde aus politischen Gründen während des Warschauer Aufstands nach Auschwitz deportiert und im KZ Bergen-Belsen befreit. Über ihren Verfolgungsweg und ihre späteren Aktivitäten für polnische Überlebende berichtete sie in Interviews 2001 und 2012.
  • Interviewausschnitt Gerd Klestadt
    Als kleiner Junge musste Gerd Klestadt (1932-2025) mit seiner jüdischen Familie aus Deutschland flüchten. Aus den Niederlanden wurde er in das KZ Bergen-Belsen deportiert, wo sein Vater starb. Gerd Klestadt lebte später in Luxemburg und engagierte sich als Zeitzeuge. 2013 und 2014 fanden Interviews mit ihm statt.
  • Interviewausschnitt Anastasija Gulej
    Anastasija Gulej (*1925) wurde 1943 als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion deportiert und gelangte als politische Gefangene nach Auschwitz und Bergen-Belsen. Seit 1969 lebt sie in Kiew und setzt sich bis heute für KZ-Überlebende in der Ukraine ein. Ein Interview mit ihr fand 2008 statt.
  • Interviewausschnitt Celino Bleiweiss
    Dank gefälschter Papiere gelang es, Celino Bleiweiss (geb. 1937) aus einem jüdischen Ghetto zu retten und mit einem Transport in das „Austauschlager Bergen-Belsen“ zu bringen. Seine Eltern wurden ermordet. Im Interview 2013 berichtete er von seinem eindrucksvollen Leben. Er lebt in Israel und Deutschland.
  • Interviewausschnitt Lous Steenhuis-Hoepelman
    Lous Steenhuis-Hoepelman (1941-2023) gehörte zur Gruppe der „Unbekannten Kinder“. Dies waren niederländisch-jüdische Kleinkinder, die identitätslos ohne Eltern in Westerbork, Bergen-Belsen und Theresienstadt inhaftiert wurden. Lous Steenhuis hatte beim Interview 2013 ihre Puppe „Mies“ dabei, die sie durch die KZs begleitete.
  • Interviewausschnitt Oskar Böhmer
    Oskar Böhmer (1920-2005) wurde in der NS-Zeit als Sinto verfolgt. Fast seine ganze Familie kam um. Er überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen. Im Interview, das er 2001 gab, beschreibt er eindrücklich das Verfolgungsschicksal seiner Familie und sein wechselvolles Leben.
  • Interviewausschnitt Maria Jaworska
    Als 15jährige wurde Maria Jaworska (1928-2020) aus politischen Gründen im „Jugendverwahrlager“ in Lodz gefangen gehalten. Es folgte die KZ-Haft in Ravensbrück und Bergen-Belsen. Später wurde sie Rechtsanwältin. Über ihr Leben berichtete sie 2003 bei einem Interview in Warschau.
  • Interviewausschnitt György Denes
    Prof. György Denes (1923-2015) wurde als Jude in Ungarn verfolgt. Von Budapest aus gelangte er 1944 in das KZ Bergen-Belsen und wurde später in Theresienstadt befreit. Denes engagierte sich zeitlebens für die Verfolgtenorganisation in Ungarn. Die Interviews wurden 2001 und 2009 aufgezeichnet.
  • Interviewausschnitt Florence Schulmann
    Florence Schulmann wurde im März 1945 im Frauenlager des KZ Bergen-Belsen geboren, wohin ihre Mutter aus einem Außenlager des KZ Buchenwald gebracht worden war. 2016 berichtete Florence Schulmann im Interview über ihre außergewöhnliche Biografie. Sie lebt in Paris.
  • Interviewausschnitt Mieczyslaw Zajac
    Mieczyslaw Zajac (1919-2007) gehörte während der deutschen Besatzung der polnischen Untergrundarmee an. Nach seiner Festnahme war er in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern, u.a. in Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen, wo er befreit wurde. Das Interview fand 2007 statt.

Im Mittelpunkt der audiovisuellen Dokumentation von Lebensgeschichten stehen die Überlebenden des KZ Bergen-Belsen. Entsprechend der Häftlingsstruktur überwiegt die Anzahl der Interviews mit jüdischen Personen sowie politisch Verfolgten. Rund ein Drittel der Interviews wurden mit sogenannten Child Survivors geführt, die als Kinder der Verfolgung ausgesetzt waren. Hinzu kommen in geringerer Zahl Interviews mit Sinti* und Roma*, mit ehemaligen polnischen und sowjetischen Kriegsgefangenen, italienischen Militärinternierten sowie mit weiteren Zeitzeug*innen wie ehemaligen britischen Soldaten, Angehörige von Hilfsorganisationen im DP-Camp oder Anwohner*innen aus der Umgebung. Jahrzehnte nach der Befreiung war es nicht mehr möglich, mit Frauen und Männern aller Häftlingskategorien zu sprechen. So existieren aus der Gruppe der wegen ihrer Homosexualität im KZ Bergen-Belsen inhaftierten Männer keine Interviews. Gleiches gilt für ehemalige Häftlinge aus den Gruppen der sogenannten „Asozialen“ oder „Berufsverbrecher“. 

Erweiterung unseres Interview-Bestandes

In den letzten Jahren wurden neue Zeitzeug*innengruppen in das Interviewprojekt eingebunden, so z.B. die sogenannte Zweite Generation (Kinder von Überlebenden) sowie Personen, die zur Erinnerungskultur vor Ort und zur Geschichte der Gedenkstätte wichtiges Wissen beitragen können. 

Die Lebensberichte zeigen anhand des Einzelschicksals das individuelle Erleben und die persönliche Sicht auf das historische Geschehen. Sie ergänzen die unvollständigen Aktenüberlieferungen und thematisieren Ereignisse und Situationen, über die aus anderen Quellen nichts oder nur sehr wenig bekannt ist. Viele Aspekte, insbesondere der Lagergeschichte und der Lebens- und Überlebensbedingungen, sind überhaupt nur durch diese Selbstzeugnisse dokumentierbar. Durch den lebensgeschichtlichen Ansatz der Interviews wird nicht nur die Phase der nationalsozialistischen Verfolgung und des Zweiten Weltkrieges, sondern auch die Lebenssituation der Menschen davor und danach dokumentiert.
 

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